Kapazitätseffekte

Die Studie „Kapazitätseffekte von E-Learning an deutschen Hochschulen“ von Bernd Kleimann geht der Frage nach, inwieweit sich die Ausbildungskapazität durch Medieneinsatz in der Hochschullehre erweitern kann. Anlass der Studie sind die prognostizierten bis 2020 stark ansteigenden Studienanfängerzahlen. Eine Maßnahme diesbezüglich ist der „Hochschulpakt 2020“, in dem sich die Länder zu einer Erhöhung der Studienanfängerzahlen verpflichten. Weitere diskutierte Maßnahmen sind zum Beispiel die Beschäftigung von Lecturern, aber auch der Ausbau der virtuellen Lehre. Dabei geht die Studie von der Annahme aus, dass zeitlich begrenzt eine Erweiterung der Ausbildungskapazität durch Medieneinsatz prinzipiell möglich ist, d.h. dass quantitative und nicht bloß qualitätssteigernde Effekte zu erzielen sind. Bei dieser Annahme wird außerdem davon ausgegangen, dass sich die Anwendung von E-Learning gewissermaßen durchgesetzt hat: Es gibt eine zunehmend selbstverständliche Nutzung von Lernplattformen und eine breite Verfügbarkeit von online zur Verfügung stehenden Lernmaterialien. Des Weiteren wird angeführt, dass E-Learning empirisch nachweisbar nicht schlechter ist als Präsenzlehre.
Methodisch geht die Studie so vor, dass für verschiedene Szenarien Modellrechnungen aufgestellt werden. Die Modellrechnungen basieren auf der Kapazitätrechnung, d.h. der Formel mit der in einem zulassungsbeschränkten Studiengang die Studienanfängerplätze pro Jahr berechnet werden. Exemplarisch wird ein modellhafter BA- und MA- Informatikstudiengang gewählt. Die Informatik ist hier deshalb gewählt, weil dort bereits entsprechende empirisch gestützte Modellüberlegungen vorliegen.
Die Szenarieneinteilung erfolgt nicht entlang didaktisch-methodischer Kriterien sondern orientiert sich daran, inwieweit sie Kapazitätseffekte unterstützt. Drei Haupteinteilungen werden vorgenommen: Substitution von Präsenzlehre, Steigerung der Gruppengröße, Verlagerung von Kapazität zwischen Studienphasen bzw. Studiengängen. Insgesamt ergeben sich acht Szenarien:
Terminsubstitution ohne/mit Betreuung (einzelne Veranstaltungstermine werden durch E-Learning ersetzt), Lehrveranstaltungssubstitution ohne / mit Betreuung, Online-Studiengang, Steigerung der Gruppengröße, Entlastung von Großveranstaltungen, Kapazitätsverlagerung in gestuften Studienstrukturen.
Für das technische Profil der Szenarien gilt, dass hier nicht hochgradig multimediale Materialien, die aufwändig herzustellen sind, in Betracht gezogen werden, sondern vielmehr multimediale Niedrigschwelligkeit bzw. das Vorhandensein benutzerfreundlicher Autorensoftware Ausgangsbasis sind.
Für die Modellrechnungen ist der Anrechnungsfaktor von Bedeutung, welcher die Vor- und Nachbereitungszeiten für die Durchführung einer Veranstaltung wiedergibt. Damit wird dann auch der erforderliche zeitliche Mehrbedarf für die Abhaltung mediengestützter Veranstaltungen erfasst.
Wie sehen nun die Ergebnisse der Modellrechnungen aus?
Nennenswerte Kapazitätseffekte ergeben sich im Fall der Terminsubstitution nur, wenn eine kritische Masse an Veranstaltungen von der Substitution betroffen sind, d.h. hier eine 50%ige Reduktion der Vorlesungen/Übungen bei 30% aller Veranstaltungen. Die höchsten Kapazitätseffekte ergeben sich bei der Lehrveranstaltungsubstitution mit Betreuung. Dies ist deshalb der Fall, weil verschiedene Veranstaltungstypen ersetzt werden und der Anrechnungsfaktor durch das Angebot von Textmaterialien gering ausfällt.
Ein Online-Studiengang wird hier nur für die Masterphase berücksichtigt und dann auch nur unter Vorbehalt, da ein solcher wegen der hohen Vorbereitungszeit nicht für die Bereitstellung kurzfristiger Ausbildungskapazitäten geeignet ist. Kapazitätseffekte ergeben sich hier nur bei großen Gruppengrößen, die jedoch in der Realität bei Online-Masterstudiengängen nicht vorliegen.
Die Steigerung der Gruppengröße zieht keine Kapazitätseffekte nach sich und ist daher eher unter dem in der Studie auch behandelten Aspekt der Entlastung von Großveranstaltungen zu sehen. Hier jedoch sind keine quantitativen Effekte intendiert sondern es geht um Qualitätsverbesserung bei Großveranstaltungen mit mehreren 100 Teilnehmenden, bei denen Mindestvoraussetzungen für die Erzielung eines Studienerfolges nicht vorhanden sind. Genannt sind nicht ausreichend vorhandene Sitzplätze, schlechte Akustik, unzureichende Frischluftzufuhr, lange Wartezeiten. E-Learning kann hier eine Verbesserung der Rahmenbedingungen schaffen (Verbesserung von Betreuung, Information und Kommunikation).
Die Kapazitätsverlagerung kann zwar Kapazitätseffekte zum Beispiel für die Masterphase erzeugen, dies würde hier jedoch zu Lasten des Bachelors gehen, der eine niedrigere Abschlussquote verzeichnen würde.

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